Blaue Stunde

Nein, es hat nichts mit ausgiebigem Alkoholgenuß zu tun. Zumindest nicht in der Fotografie, obwohl einige verwackelte Bildergebnisse diesen Schluß durchaus logisch erscheinen lassen. Vielmehr geht es um einen Zeitabschnitt, zweimal am Tag, bei dem Himmelslicht und Umgebungslicht ungefähr die gleiche Helligkeit besitzen. Wobei, eine ganze Stunde hält dieser Effekt nicht an. Je nach Jahreszeit und Aufnahmeort wird dabei im deutschsprachigen Raum aus der blauene Stunde ein Zeitfenster von 25-45 Minuten. In dieser Zeit sollte das Motiv bzw. die Motive auf die Speicherkarte gebannt werden, weil danach die Balance der Helligkeit rapide nachlässt. Bei Aufnahmen von künstlich beleuchteten Bauwerken oder Gebäuden ist der Beginn der blauen Stunde etwas früher anzusetzen und kann, je nach Intensivität der Ausleuchtung, auch etwas früher beendet sein. Dazu einige Tips, was alles beachtet werden sollte, um gute Fotos als Lohn der Mühe zu erhalten.

Funkturm_2Ein beliebtes Motiv bei Berlin-Besuchern – das ICC mit blau beleuchtetem Funkturm. Dieses Foto wurde zu Beginn der blauen Stunde aufgenommen. Der Himmel ist noch recht hell, aber die starke Beleuchtung des Gebäudes und das blaue Licht des Funkturms befinden sich mit der Himmelshelligkeit in einer schönen Balance. Schon zehn Minuten später werden beide Objekte zu dominant. Dann ist das gesamte Motiv zwar immer noch für einen Nightshot mehr als interessant, nimmt aber der Aufnahme auch ein wenig Leben.

Fester Stand

Die Wahl des Aufnahmeortes sollte nie unterschätzt werden, denn so mancher Fotoamateur hat schon über sein Equipment geflucht, ohne zu ahnen, dass die Elektronik gar nicht verantwortlich an den zahlreichen unscharfen Aufnahmen war. Bestes Beispiel ist die beliebte Fußgängerbrücke über einer Autobahn. Man sollte sich schon bewusst sein, dass, je nach Verkehr, diese Brücke nur oberflächlich ein ruhender Pol ist. Schwingungen durch Kraftfahrzeuge können einem die ganze blaue Stunde buchstäblich madig machen, denn man arbeitet mit Verschlusszeiten von einer bis 15 Sekunden Dauer. Je nach Schwingneigung erhält man mehr oder weniger verwackelte Aufnahmen, die man allerdings auf dem Kameramonitor erst einmal gar nicht so sieht. Spätestens auf dem 24 Zöller Zuhause wird dann das ganze Ausmaß des Desasters deutlich und der Abend ist gelaufen. Deshalb gilt grundsätzlich – der Aufnahmeort sollte erschütterungs- und schwingungsfrei sein.
Arbeitet man mit langen Belichtungszeiten, wird das Stativ im wahrsten Sinne des Wortes zum „tragenden Element“. Genau wie bei der Nachtfotografie, wird spätestens jetzt deutlich, ob man in dieses Fotozubehör genug Geld investiert hat. Es gibt dutzende von Berichten im Netz, bei der ein Billigstativ ebenfalls zu katastrophalen Ergebnissen geführt hat. Ob es am heftigen Wind (z. B. in Meeresnähe oder auf einem Hochhausdach) oder anderen Problemen mit dem Stativ selbst lag (Rastfunktionen der Höheneinstellung), ist vollkommen uninteressant, wenn das Foto unscharf ist. Kleiner Tip: die Kameratasche an den Stativ-Haken gehängt, kann manchmal das Schlimmste verhindern. Durch das zusätzliche Gewicht erhält auch ein leichtes Stativ mehr Stabilität.

Aufnahme

Ein Fernauslöser ist bei Aufnahmen in der blauen Stunde ebenfalls keine schlechte Idee. Zwar kann man auch über den Selbstauslöser gelungene Aufnahmen machen, aber das Gefummel an den Einstellungen kostet doch einiges an Zeit, die man sich sparen kann.  Und Zeit ist, wie schon erwähnt, eher knapp. Fernauslöser kosten auch nicht die Welt und kabelgebundene Exemplare sind schon, je nach Kameramodell, für unter 10  € erhältlich. Eine Anschaffung, die sich immer lohnt. Bei der Anschaffung eines komfortablen Funkauslösers sollte man immer bedenken, dass sich mehrere Fotografen manchmal den gleichen Aufnahmeort teilen und gegebenenfalls die gleiche Ausrüstung besitzen. Das kann schon mal für Verwirrung sorgen, wenn der Nachbar auf den Auslöser drückt und die eigenen Kamera Fotos schießt. Bei Funkauslösern sollte der Funk-Kanal wählbar sein, damit solche „Mißverständnisse“ zumindest minimiert werden können.

 Semper_2Das Ende der blauen Stunde ist erreicht, wenn das Kunstlicht die Facetten eines Motivs überstrahlt. Wie hier auf der Aufnahme der Semper Oper in Dresden zu sehen ist, verschwindet die kunstvolle Fassade des Bauwerks im Schatten der Beleuchtung. Ist der Himmel noch dunkler, bleibt zwar wiederum ein schönes Motiv für den Nightshot, aber das Bild an sich verliert an Glanz.

Objektiv

Die Auswahl an benötigten Objektiven gehört ebenfalls in die Vorbereitung. Kaum ein Fotograf wird auf die Idee kommen, ausgerechnet zur blauen Stunde Potraitaufnahmen oder Makroexperimente zu machen. Geht man von der Annahme aus, dass die Suche nach einem geeigneten Aufnahmeort auch mal mühselig sein kann, ist leichtes Gepäck gefragt. Ein zweiter Body  mag noch sinnvoll sein, aber verschiedene Festbrennweiten mit zu schleppen, ist eher grenzwertig. Ein gutes Midrange-Zoom, das eigentlich in jede Ausrüstung gehört, reicht erfahrungsgemäß immer aus. Abhängig vom Motiv, dass doch meistens ein kunstvoll ausgeleuchtetes Gebäude oder zumindest großflächige Motive beinhaltet, ist eine Brennweite von 24mm bis maximal 100mm empfehlenswert. Auch das sonst oft verschmähte Reisezoom kann durchaus in der blauen Stunde auftrumpfen, denn die Blende und die lange Belichtungszeit spielen den nicht immer superscharfen Plastikdosen in die Karten. Nicht so interessant sind Objektive mit zu kurzer oder zu langer Brennweite. Im ersten Fall kann das eigentliche Motiv zu klein ausfallen, im zweiten Fall fehlt ein wenig Dynamik und Schärfe, um ein spektakuläres Ergebnis zu erzielen.

Ein Fakt, der immer wieder bei langen Belichtungszeiten vergessen wird, ist die integrierte Bildstabilisierung in Objektiven und Kameras. Sie sind in diesem Falle eher kontraproduktiv und sollten IMMER bei Belichtungszeiten von mehr als 0,2 Sekunden abgeschaltet werden.

Kamera vorbereiten

Hat man sein notwendiges Equipment ausgewählt, sollte man sich mit der Einstellungen der Kamera auseinandersetzen. Für die blaue Stunde gelten dann ähnliche Werte, die auch in der Nachtfotografie benutzt werden. Niedrige Iso-Werte von maximal 200 (besser 100) sind in Punkto Rauschfreiheit vorzuziehen. Gerade dunkle Bildabschnitte, die in der blauen Stunde häufig auftreten, sollten keine störenden Rauschanteile besitzen. Durch die längere Belichtungszeit, ist der niedrige ISO-Wert auch kein wirkliches Problem. Als zweiter „Grundwert“ nimmt die gewählte Blende eine wichtige Rolle ein. Zwischen f8 und f11 arbeiten die meisten Objektive perfekt und gerade die Zoom-Objektive liefern in diesem Bereich die besten Ergebnisse. Die Tiefenschärfe ist ausreichend bis gut und mangelndes Licht wird durch längere Belichtungszeiten kompensiert.

Grubenlampe

Der perfekte Zeitpunkt. Wie man gut erkennen kann, ist der Übergang von Baumgruppe und Wiese noch sichtbar, obwohl der Hintergrund ca. 100 Meter hinter dem Motiv liegt. Auch die herannahende Wolkendecke bildet einen wundervollen Kontrast zum sonst blauen Himmel. Das Zusammenspiel der Grundfarben ist bei diesem Motiv einfach ein Glücksfall.  Zumindest in meinem Bildportfolio ist es eines der besten Aufnahmen zum Thema Blaue Stunde.

Die Belichtungszeit ist der einzige Wert, der sich bei den Aufnahmen innerhalb der blauen Stunde kontinuirlich verändert.  Besitzer einer Kamera, die Bildserien mit unterschiedlichen Belichtungszeiten vorher festlegen können, sind hier im Vorteil. Grundsätzlich sollte, wenn man das Motiv gut scharfgestellt hat, mehrere „Serien“ anfertigen. Der kamerainterne Kontrollmonitor ist gerade bei diesen Aufnahmebedingungen nicht aussagekräftig. Was über den kleinen 3 Zöller eventuell als gut ausgeleuchtet dargestellt wird, schaut auf dem großen Monitor Zuhause eher über- oder unterbelichtet aus. Fotoamateure, die Erfahrungswerte mit dem kamerainternen Histogramm besitzen, werden dabei schneller die „richtige“ Belichtungszeit erkennen. Für alle Anderen, die erstmals mit schwierigen Belichtungsverhältnissen arbeiten, hat sich folgendes Vorgehen als produktiv erwiesen: Mit 0,3 Sekunden beginnen und in Schritten bis auf 5 Sekunden verlängern. Diesen Vorgang mit Pausen von 2-3 Minuten mehrmals wiederholen. Es sollte schon wirklich alles schiefgehen, wenn nicht mindestens ein Dutzend Fotos dabei sind, die man durchaus auch präsentieren kann.

 

HDR

Gerade die blaue Stunde lädt dazu ein, erstmals mit der HDR-Technik zu experimentieren. Bei dieser Technik werden mehrere, (meist 3) verschiedene Belichtungszeiten eines gleichen Motivs übereinandergelegt und zu einem Bild verschmolzen. An dieser Stelle wird der Fernauslöser UND der sichere Stand der Kamera zum Grundgerüst. Während bei Einzelaufnahmen über Selbstauslöser eine minimale Abweichung des Motivs kein großes Problem darstellt, ist es beim übereinanderlegen von drei verschiedenen Belichtungzeiten ein echtes NoGo. Hier ist jeder Milimeter Abweichung ein Fall für den „Scharfrichter“ und entscheidet, ob das Ergebnis in der Tonne oder auf dem Fotoordner landet. Zwar kann man mit entsprechenden HDR-Programmen einiges an Unschärfen, die durch das Übereinanderlegen der Bilder entstehen können, ausgleichen, aber Wunder vollbringen auch diese Programme nicht. Je genauer die Position der Kamera eingehalten wird, desto schärfer das Ergebnis. Für die Auswahl der drei Bilder, die letztendlich für das HDR benutzt werden, müssen nicht unbedingt aneinanderliegende Belichtungsstufen das beste Bild erzeugen. Ein wenig experimentieren mit anderen Belichtungswerten hat in der Vergangenheit hochinteressante und eindrucksvolle Ergebnisse geliefert.

Wahrnehmung und Foto

Wenn alles gut vorbereitet ist und das Equipment stimmt, sollten Bildergebnisse aus der blauen Stunde immer Begeisterung erzeugen. Sowohl beim Fotografen, als auch beim Zuschauer, der die Bilder im Netz oder als Printout an der Wand bewundert. Warum das so ist bzw. warum das so sein sollte, ist eigentlich schnell erklärt. Das Foto zeigt etwas, was das menschliche Auge in dieser Form nicht wahrnehmen kann. Während sich das Auge automatisch an die „richtige“ Verteilung der Lichtquellen anpasst, wird das Foto, je nach Belichtungszeit, verschiedene Lichteffekte und Bilddetails bevorzugen. Wenn also ein Bild, aufgenommen in der blauen Stunde,  unwirklich schön aussieht, wurde alles richtig gemacht.

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