Kleine Dinge groß raus bringen – das ist, kurz gefasst, der Hauptgrund für Makro-Fotografie. Dieser Foto-Bereich erfreut sich bei ambitionierten Amateuren großer Beliebtheit und die zahlreichen Nahaufnahmen von Insekten und anderen kleinen Dingen werden von vielen Foto-Interessierten zu Recht bewundert. Aber was steckt eigentlich hinter einer technisch sauberen Makro-Aufnahme, welche Vorgehensweise ist zu beachten und welches nützliches Werkzeug sollte man am Start haben, wenn man ins Reich der Mini-Motive aufbricht?

Dieser Artikel soll dem geneigten Leser, vor allem Anfängern, in diesem Foto-Bereich ein wenig Hintergrundwissen zum Thema Makro-Fotografie liefern und ihm so die Grundlagen für die erfolgreiche Jagd zu den kleinen Dingen dieser Welt bieten.

Makro und Abbildungsmaßstab

Normale Objektive besitzen, je nach Brennweite, Bauart und Naheinstellgrenze, einen Abbildungsmaßstab von ca. 1:7 bis 1:9. Echte Makro-Objektive, die normalerweise als Festbrennweiten angeboten werden, erreichen einen Abbildungsmaßstab von 1:1. Natürlich gibt es auch eine große Anzahl von Zoom-Objektiven, die, per Schalter aktiviert, einen Makro-Bereich besitzen, aber diese Konstruktionen erreichen maximal einen Maßstab von 1:4. Dieser Wert ist nicht so willkürlich gewählt, wie viele Foto-Amateure annehmen, sondern basiert zum Einen auf der Tatsache, dass hier nicht zwangsläufig der Abstand zum Sensor erhöht wird (siehe Funktionsweise im nächsten Abschnitt), und zum Anderen, dass eine Aufnahme bis 1:4 noch aus der Hand möglich ist. Erst bei noch größerem Abbildungsmaßstab und der damit verbundenen immer kleineren Tiefenschärfe wird das Stativ zum Retter einer scharfen Aufnahme. Hinzu kommt, dass gerade ältere Zoom-Objektive mit dieser „Pseudo-Makro“-Funktion, eine, gegenüber aktuellen Gläsern, recht hohe Naheinstellgrenze besitzen. Um trotzdem Nahaufnahmen im eingeschränkten Umfang zu ermöglichen, war diese Funktion in der Vergangenheit recht praktisch.

Die „berühmten“ Wassertropfen auf der Rose ist eines der beliebtesten Motive in der Makro-Fotografie. Die Fotos besitzen nachfolgend den Abbildungsmaßstab 1:4, 1:2 und 1:1. Wie man gut erkennnen kann, verringert sich die Tiefenschärfe mit der Vergrösserung des Maßstabs. Im rechten Bild ist die Bildmitte lediglich 1mm vor der Fokusebene und damit die Aufnahme evtl. schon unbrauchbar.

Wie Makro technisch funktioniert

Neben den speziellen Makro-Objektiven gibt es auch Möglichkeiten, ein ganz normales Objektiv, beispielsweise die fast überall vorhandene und lichtstarke 50mm Festbrennweite, zu einem Makro-Objektiv umzufunktionieren. Dafür liefert der Handel das Zubehör wie Zwischenringe, Balgen oder verstellbare Makro-Adapter. Mit Hilfe dieser „Abstandsringe“, wird der Abstand vom Objektiv zum Sensor erhöht und als Folge davon ergibt sich die Möglichkeit, sehr nah an das Motiv zu kommen und den Abbildungsmaßstab zu erhöhen. Exakt das gleiche Prinzip findet man bei den echten Makro-Objektiven, denn auch hier wird der komplette Innentubus mit der Linsenkonstruktion einfach nach vorne geschoben, d. h. das ganze Objektiv entfernt sich vom Aufnahmesensor der Kamera.

Die Abstandsringe, die verschiedene Längen für verschiedene Abbildungsmaßstäbe besitzen, können dabei kaskadiert werden und erreichen zusammen dann meist den Wert 1:1. Nachteil dieser Makroringe sind die nicht ganz so variablen Zwischenwerte, die man erhält. Für statische Motive wie Produktfotografie mag das zweckmäßig und vor allem die preisgünstige Alternative sein, aber der ambitionierte Insekten-Foto-Jäger verliert eventuell wichtige Zeit für die Aufnahme eines Objekts. Besser, aber vor allem flexibler, ist die Wahl eines verstellbaren Makro-Adapters, der, einmal zwischen Objektiv und Kamera angeschraubt, die Entfernung zum Sensor und damit den Abbildungsmaßstab variabel einstellt. Funktionell ist das, in Verbindung mit dem Objektiv der Wahl, ein Makro-Objektiv, nur, dass der Abbildungsmaßstab am Adapter eingestellt wird. Dazu kommt, dass einige Modelle mit entsprechenden elektrischen Kontakten sogar AF-Aufnahmen ermöglichen. Die Begründung, warum Autofokus bei Makro-Fotografie nicht unbedingt die erste Wahl ist, folgt später in diesem Artikel.

Kaktus-Blüten haben eine individuelle Note und sind begehrte Motive bei Flora-Fotografen. Hier ein Foto aus meiner Nikon D700-Zeit. Aufgenommen einmal mit dem Sigma 50mm /f2.8 Macro (links) und dem 50mm/ f1.8 Normalobjektiv und Meike AF- Macro-Adapter (rechts) bei Maßstab 1:2 und Blende 4. Wie man sieht, sind die Unterschiede in der Qualität so minimal, dass sie zu vernachlässigen sind. Ein gutes Makro-Foto ist auf verschiedenen Wegen möglich.

Ein weiteres Instrument für Makro-Fotografie sind Retro-Adapter. Dabei wird ein bereits vorhandenes Objektiv über den Adapter verkehrt herum an die Kamera geschraubt. Für ernsthafte Makro-Aufnahmen ist dieser Zwischenring allerdings nicht zu empfehlen, denn wenn man sich ein Objektiv genau betrachtet, ist die Frontlinse wesentlich größer als die hintere Linse. Das bedeutet wiederum, dass die Lichtstärke bei einem verkehrt herum installiertem Objektiv deutlich schwächer ist, als angegeben. In der Folge muss das Motiv besser ausgeleuchtet werden. Da aber der Abstand zum Motiv für einen optimalen Fokus auf wenige Millimeter sinkt, behindern sich Ausleuchtung und das Fokussieren gegenseitig. Nicht gerade eine Win-Win Situation und nur selten steht beim Einsatz eines Retro-Adapters ein gutes Foto als Ergebnis zur Verfügung.

Brennweite

Egal, ob man mit Abstandsringen oder einem echtem Makro-Objektiv arbeitet – die genutzte Brennweite bestimmt die Entfernung zum Motiv, d.h. je länger die Brennweite, desto höher der Minimalabstand zum Objekt. Bei 50mm-Objektiven und Maßstab 1:1 liegt der Abstand bei ca. 4-5 cm, bei 100mm ist er etwa doppelt so groß. Dieser Fakt kann von Bedeutung sein, wenn man sich beispielsweise auf Insekten-Fotografie festgelegt hat. Bekannterweise gibt es bei Tieren, auch bei sehr kleinen, die sogenannte Fluchtdistanz, die ein extrem nahes herangehen der Objektiv-Front an ein lebendes Wesen dieses zu einem völlig unkooperativen Verhalten gegenüber dem Fotografen verleitet – oder anders ausgedrückt, es fliegt oder kriecht einfach aus dem Bild. Ein paar Zentimeter Abstand mehr können oft darüber entscheiden, ob das Aufnahme-Objekt der Begierde abgelichtet werden kann. In den einschlägigen Foto-Foren gibt es einen breiten Konsens, der bei Makro-Fotografie auf längere Brennweiten ab 85mm basiert. Anderseits muss es aber auch nicht zwangsläufig 1:1 sein, denn ein höherer Abbildungsmaßstab bringt auch Vorteile mit sich.

Seit dem Umstieg auf die Sony A7 sind diese beiden Minolta-AF-Objektive eine sichere Bank für Makro-Fotografie. Beide Brenweiten sind weitgehend verzeichnungsfrei und selbst bei Offenblende scharf. Natürlich machen sie auch in ihrer angegebenen Brennweite einen tollen Job. 

Tiefenschärfe

Bei Makro gilt: je höher der Abbildungsmaßstab, desto geringer ist die Tiefenschärfe. Im Makro-Bereich befinden wir uns bei wenigen Millimetern. Ist es mit Maßstab 1:3 noch möglich, z. B. einen Schmetterling „fast“ komplett scharf aufzunehmen, wird es darunter unmöglich. Bei 1:2 erreichen wir maximal noch 10-12mm, bei 1:1 gerade einmal 6-8mm Tiefenchärfe. Diese Näherungswerte sind nicht absolut und je nach eingesetzter Brennweite abweichend, aber sie geben einen guten Einblick, wie extrem sich die Erhöhung des Maßstabs auf die Tiefenschärfe auswirkt. Die Frage des für die Aufnahme gewählten Maßstabs entscheidet letztendlich darüber, wie das Foto auf den Betrachter wirken soll. Eine absichtliche Unschärfe außerhalb des Fokuspunktes wegen eines zu groß gewählten Abbildungsmaßstabes hat so manche Aufnahme im Ergebnis sogar veredelt.

Auch beliebt in der Makro-Fotografie – das Uhrwerk. In diesem Fall nicht komplett senkrecht aufgenommen, sondern mit leichter Schräge versehen, damit die niedrige Tiefenschärfe bei Maßstab 1:1 deutlich wird. Fokuspukt war die Schweizer Punze in der Mitte unten. Ab Mitte des Bildes nimmt die Unschärfe nach oben drastisch zu, was in der großen Darstellung gut zu erkennen ist. Aufgenommen mit dem Minolta AF 50mm /f2.8 Macro bei Blende 6.3.

Fokus

Aus eigener Erfahrung ist bei der Makro-Fotografie das manuelle fokussieren die erste Wahl. Zwar gibt es zahlreiche Objektive, die selbst in diesem Bereich mit AF funktionieren, aber die Ergebnisse sind meist von zweifelhafter Qualität. Selbst meine betagten, fast 35 Jahre alten Minolta AF 50mm-Makro und 100mm-Makro funktionieren mit dem LA-EA4 Adapter von Sony im Makro-Bereich und aktiviertem AF bis Maßstab 1:2, aber das dauernde Hin- und Herfahren des Objektiv-Tubus nervt gewaltig und der Fokus ist oft nicht dort, wo er eigentlich hin sollte. Mit kamerainternem Fokus-Peaking und Lupe ist aber das manuelle Scharfstellen kein Problem und es geht tatsächlich wesentlich flotter. Oft fällt auch erst während der Fokussierung die Entscheidung, welcher Abbildungsmaßstab final genutzt wird.

Macro-Stacking

Größtmögliche Darstellung mit hoher Tiefenschärfe sind im Makro-Bereich Gegensätze, die sich optisch nicht vereinbaren lassen. Dass es trotzdem möglich ist, beide Bedingungen für ein gelungenes Foto zu erfüllen, beweist die Software-Industrie. Das Foto-Stacking, also das Zusammenführen einzelner Aufnahmen auch übereinander, findet man heute als Firmware in fast allen aktuellen Smartphones. Wie schon im Artikel für Smartphone-Fotografie erwähnt, werden bei Fotos unter schlechten Lichtverhältnissen einfach mehrere Aufnahmen zu einem Bild zusammengerechnet und damit unter anderem Rauschanteile reduziert. Dieses „Zusammenbauen“ von Aufnahmen funktioniert auch beim Macro-Stacking, nur das hier unterschiedliche Fokus-Ebenen genutzt werden. Durch das „wandern“ des Fokuspunktes im Millimeterbereich pro Aufnahme von vorne nach hinten und das später im Post-Prozess aktivierte Zusammenfügen der Aufnahmen zu einem Bild, wird die Tiefenschärfe enorm erweitert und es gelingen Aufnahmen, die im Makro-Bereich in dieser Form gar nicht möglich wären. Als Beispiel, wie es nach dem Post-Prozess in der Bildverarbeitungssoftware aussieht, verdeutlichen die Makro-Aufnahmen des x-wing.

Der x-wing Stack besteht aus 7 Einzelaufnahmen, wobei links das erste Foto und in der Mitte das letzte Foto des Stacks mit den verschiedenen Fokussierungen zu sehen ist. Rechts dann das Ergebnis aller sieben Aufnahmen, die in der Software zusammengerechnet wurden. Aufgenommen mit dem Minolta AF 100mm/f2,8 Macro und Abbildungsmaßstab 1:3.

 

Was man bei diesen Aufnahmen kaum erkennt: Das Motiv ist im ersten Foto etwas größer abgebildet als beim letzten Bild der Aufnahmereihe, denn mit Ändern der Fokusebene ändert sich auch der Abstand zum Motiv. Dabei ist es egal, ob man mit einer Fokusschiene arbeitet oder die Ebene am Fokusring des Objektives verändert. Für ein Foto-Bearbeitungsprogramm ist das aber kein Problem, denn die Software erkennt die Unterschiede und passt die Größen automatisch auf einen Wert an.

Den Stacking-Prozess freihändig zu absolvieren, ist übrigens eine Sache der Unmöglichkeit und man sollte, falls man ausschließlich mit festen Zwischenringen arbeitet, auf bewährte Hilfsmittel wie eine Fokusschiene zurückgreifen, um eine saubere Bildfolge mit unterschiedlichen Fokussierungen zu erhalten.

Ein Artikel von Jürgen Olejok für Photomatik.de / 2021