Smarte Fotos

 – Die beste Kamera ist die, die man immer dabei hat –

Dieses Zitat hat über die Zeit hinaus nichts, aber auch gar nichts an seiner Wahrheit eingebüßt, denn was nützt eine gute Systemkamera mit Spitzenobjektiv, wenn sie zu Hause oder im Hotelzimmer verweilt, weil man schlicht keine Lust hatte, 2 – 3 Kilo Fotoausrüstung bei einen kurzen Spaziergang oder auf einer Städtetour mitzuschleppen. Man hatte keine aufregenden Motive erwartet und deshalb blieb das teure Equipment inklusive Zubehör einfach liegen. Und dann kommt der Augenblick, in dem das geschulte Foto-Auge doch etwas entdeckt, was sich auf einem Bild durchaus zu verewigen lohnt und man ärgert sich. Zumindest so lange, bis einem sein Smartphone einfällt, das ja auch Fotos schießen kann.

Aber lohnt es sich überhaupt, mit so einem Gerät die richtige Einstellung und den perfekten Blickwinkel zu finden, um etwas Brauchbares für die spätere Bearbeitung zu erhalten? Die Antwort: Kommt darauf an! Wenn man sich von vorneherein Gedanken bei der Anschaffung des Smartphone gemacht und seine Prioritäten auf die Eigenschaften im Fotobereich gelegt hat, wird man ein mehr als akzeptables Bildergebnis mit seinem Smartphone bekommen. In manchen Situationen sogar ein besseres, als mit einer teuren Systemkamera. Warum das so ist, soll der folgende Artikel erklären…

Der Lifesaver in Duisburg, aufgenommen mit einem Huawei P9 im Pro-Modus. Vergrösserung als Druck bis 60*40 absolut einwandfrei. Bei guten Lichtverhältnissen ist ein Smartphone als Kamera nicht die schlechteste Idee.

Symbiose

Konzentriert man sich auf die rein fototechnischen Voraussetzungen eines Smartphones wie Pixelanzahl oder mehrere Objektive, um das „Foto-Handy seiner Wahl“ zu bestimmen, wird nicht beachtet, WIE ein Smartphone seine Fotos generiert. Es ist die Symbiose aus Hochleistungselektronik, Feinmechanik und Software, die das Smartphone zum vollwertigen Ersatz für eine Kompaktkamera hat werden lassen. Nur mit reiner Rechenleistung sind nämlich die „Kunststücke“ der Software-Ingenieure möglich, physikalische Hürden bei der Fotografie zu überwinden, denn die Kamera-Module und Linsen im Smartphone sind natürlich wesentlich kleiner als bei einer Systemkamera. Warum trotzdem teilweise richtig gute Aufnahmen daraus entstehen, liegt an der Funktionsweise. Damit aber der Zusammenhang zwischen Technik und Bildergebnis etwas klarer wird, muss man zunächst einen Schritt zurückgehen und einen kurzen Blick auf die Vergangenheit und Entwicklung der Smartphones werfen.

Strandurlaub, tagelang kein gutes Wetter und plötzlich so ein Motiv. Die DSLM liegt gemütlich im Hotelzimmer und man könnte sich die Haare raufen. Auch in diesem Fall hat die Notlösung Huawei P9 einen ordentlichen Job gemacht. Mit seinen zwei Objektiven, eines davon nur in Schwarz/weiss zur Erhöhung der Schärfe und des Kontrastes, erzeugt das nicht mehr aktuelle Smartphone farbechte Aufnahmen, ohne zu übertreiben. Die interne Software arbeitet perfekt und wegen der realtiv geringen Auflösung des Hauptsensors (12MP), sind Artefakte und Rauschen erst bei sehr schlechten Lichtverhältnisse ein Thema. Scharf bis zum Horizont und für ein 60*40 Print hat es locker gereicht. Das Foto ist ein JPG, komplett unbearbeitet direkt aus dem Smartphone.

 

Megapixelwahn

Fotos aus den ersten Smartphones in den 2000er Jahren waren weder scharf noch gut. Meist in HD-Qualität und für Schnappschüsse und Selfies durchaus brauchbar, aber bei Ansicht auf einem damals handelsüblichen 19“ Monitor schon sehr grenzwertig. Mehr war aus dem kleinen Sensor in Verbindung mit der damaligen Chiptechnik nicht möglich. Zudem waren andere Dinge wie Internetzugang oder Empfangsstabilität die primären Anforderungen an ein Smartphone. Erst in den 2010er Jahren, als den Entwicklern langsam die Ideen ausgingen, was man mit solch einem Kommunikations-Tool noch alles anfangen kann, war es mal wieder die Firma Apple, die den zusätzlichen Nutzen einer „brauchbaren“ Fotofunktion für ihr Smartphone in den Fokus rückten. Man erinnert sich – der Zweck des IPhone war seinerseits, zwei Geräte (Ipod und mobiles Telefon) miteinander zu verbinden und dabei die Internetnutzung per Touchscreen zu vereinfachen. Nun sollte auch die früher beliebte digitale Kompaktkamera, deren Sensoren auch nicht viel größer als die der Smartphones waren, als drittes Modul integriert werden. Zwar hatten sich die Leistungsdaten der Sensoren in den letzten Jahren enorm verbessert, aber vorerst wurde der Weg zu höheren Auflösungen über die Pixelanzahl eingeschlagen. Dieser Weg führte, wie alle technisch Interessierten schon früher, der allgemeine Nutzer erst seit Kurzem, wissen, in die Irre, denn viel Megapixel sind alles andere als ein Garant für scharfe und gute Fotos. Im Gegenteil, die Beugungsunschärfe (mehr dazu später) sorgt dafür, dass trotz hoher MP die Aufnahme unscharf und verwaschen wirkt. Als „Werbeaussage“ funktionierten die hohen Pixelangaben in der Vergangenheit aber gut.

Solche Aufnahmen wie diese aus dem Pandora-Programm des Cirque du Soleil, sind mit einer Systemkamera nicht oder kaum möglich. Da Stativfotografien bei solchen Events grundsätzlich verboten sind, bleibt nur die Aufnahme aus der Hand. Wieder mal rettete das P9 die Erinnerung. Zwar nur auf dem Bildschirm, aber immerhin ein Foto, wo eigentlich kein Foto möglich war.

Etwa Mitte der 2010er Jahre, als der falsche Weg der Pixelerhöhung auch dem naivsten Nutzer eines Smartphones klar wurde, begann man in den Entwicklungslaboren der Hersteller damit, das Thema Fotografie nicht mehr als Zusatznutzen eines Kommunikationsgerätes zu sehen, sondern das Thema Foto aus Sicht der professionellen Kamerahersteller zu betrachten. Die Größe der Sensoren und der Linsen waren wegen des Designs eines Smartphones nur in geringem Umfang zu verändern und somit fix. Was konnte man also tun, um eine bessere Fotoqualität zu erreichen? Die Lösung war die Idee, statt einem Sensor mit Objektiv, wie es die übliche Kameratechnik nutzt, mit mehreren Objektiven und Sensoren zu arbeiten und dann die Aufnahmen der verschiedenen Objektive zusammen zu rechnen. Dafür brauchte es auch eine extrem hohe Rechenkapazität, die aber zu dieser Zeit bereits vorhanden war. Ein Smartphone der Spitzenklasse hatte 2015 bereits die Rechenleistung eines 10 Jahre alten PC´s überflügelt und konnte dank Mehrkernprozessoren, ausreichendem Arbeitsspeicher und hoher Taktfrequenz diese Aufgabe erledigen. Verschiedene Ansätze für Mehr-Objektiv Konstruktionen führten letztendlich zu den heutigen Kameramodulen, die mit 2,3 oder mehr Sensoren und Optiken ausgestattet sind und für erstaunliche Bildergebnisse sorgen.

Die Technik

Wenn nur das Bildergebnis zählt, wird die Arbeitsweise, mit der eine aktuelle Smartphone-Kamera arbeitet, nebensächlich. Wer das glaubt, gehört nicht zur Gruppe der ambitionierten Amateur-Fotografen, denn das Zusammenspiel von Soft- und Hardware in einem Smartphone bedingt eine andere Herangehensweise bei der Aufnahme. Das wiederum liegt an den zahlreichen Tricks, die die Software-Ingenieure nutzen, um ein gutes Foto zu erzeugen, oder hat der Leser dieses Artikels schon einmal auf dem Kontrolldisplay seiner Systemkamera die Meldung gelesen: „Bitte halten Sie die Kamera ruhig, um die optimale Schärfe zu erreichen“? Nicht? Kein Wunder, denn wenn mehrere kleine Sensoren zusammenarbeiten, um ein äquivalentes Bildergebnis eines APSC-Sensor zu erreichen, braucht es, trotz schneller Rechentechnik, immer noch etwas Zeit. Die fast unwirklich guten Nachtaufnahmen eines Smartphones brauchen sogar noch länger (meist 3-7 Sekunden) um mehrere Fotos aus zwei oder mehr Optiken zusammen zu rechnen. Hier wird die kausale Verbindung zwischen vielen Objektiven und Leistungsfähigkeit der Prozessoren am deutlichsten sichtbar.

Alter Dieselmotor im Landschaftspark Duisburg-Nord. Aufgenommen mit einem Honor 20 Pro, im Pro-Modus und mit 12MP Auflösung durch Pixelbinding. Selbst der kritische Pixelpeeper wird anerkennen, dass mit einer Systemkamera nicht viel mehr herauszuholen ist. Unbearbeitet direkt aus dem Smartphone als JPG. Das zur Verfügung stehende RAW könnte noch zwei Stufen mehr Dynamik generieren, aber wirkt dann etwas unnatürlich.

 

Es sind also, salopp gesagt, zwei vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe, wenn man Smartphone-Fotografie und die normale Fotografie vergleicht. Und trotzdem finden sich Gemeinsamkeiten, wenn man beim Smartphone den sicheren Hafen der Automatik-Programme verlässt und in den, bei allen hochwertigen Kamera-Handys vorhandenen Pro-Modus, wechselt. Manueller Weißabgleich, Verschlusszeit, ISO-Einstellung, RAW-Modus und Korrektur der Blendenstufen sind einstellbar. Also doch alles gleich? Mitnichten, denn nicht alles, das den gleichen Namen besitzt, hat auch die gleiche Funktionalität. Die Physik lässt sich bekannterweise ungern überlisten und um physikalische Gegebenheiten kommt man bei der Analyse der Funktionalität einer Smartphone-Kamera leider nicht herum.

Der Trick mit der Blende

Blendeneinstellung beim Smartphone? Geht nicht, denn bis auf eine bekannte Ausnahme, haben alle Objektive in einem Smartphone eine fest definierte Blende. Das Samsung Galaxy ab der Serie 9 kann zwischen 2 Blenden umschalten. Warum die „Blendeneinstellung“ trotzdem vorhanden ist, liegt an der Auswirkung, die eine mechanische Blende in einem Objektiv mit sich bringt.
Im Normalfall reduziert bei einer Systemkamera die Blende im Objektiv den Lichteinfall, hat aber eine in der Fotografie sehr beliebte zweite Eigenschaft, die Änderung der Tiefenschärfe, das Entstehen eines Bokeh. In einer Smartphone-Kamera sind aber die einzelnen Pixel des Sensors so klein, dass eine Reduzierung der Lichtmenge mit einer Blende z. B. bis 16 gar nicht möglich ist. Das liegt am Beugungseffekt des Lichts, wenn es durch eine Blende geleitet wird. Je kleiner die Blende, desto größer der Beugungseffekt. Ist die Blende dann so klein, dass die Beugungsbegrenzung erreicht wird (das dürfte dann bei einem 1/2 Zoll großem Sensor etwa bei f3 beginnen) , wird der einzelne Lichtpunkt zu einer Lichtscheibe und die Auflösung sinkt dramatisch – die Folge ist ein unscharfes Bild. An diesem Punkt ist nicht mehr der Sensor plus Objektiv für die Auflösung verantwortlich, sondern die Beugungsbegrenzung.

Das typische Bokeh eines Smartphones. Auf den ersten Blick ganz ordentlich, aber genauer betrachtet ziemlich falsch, denn der Haltestab des Windspiels, welcher eigentlich noch in der Schärfeebene liegen sollte, wird gleich „mitbokehtiert“. Dieser Bokeh-Effekt wird einmal durch die Aufnahme im Potrait-Modus und in der Nachbearbeitung durch „Öffnung der Blende“ erzeugt. Dafür, dass es ein rein mathematisches Produkt ist, kann man mit dem Ergebnis leben, aber schön ist anders.

Warum sieht man trotzdem, wie die Helligkeit beim Smartphone abnimmt und sich die Tiefenschärfe verändert , wenn die Blende auf f16 verstellt wird? Die abnehmende Helligkeit wird durch elektrische Reduzierung bei der elektrischen Verstärkung des Sensors erzeugt. Die Änderung der Tiefenschärfe erfolgt durch eine Tiefenabbildung, die auf der Analyse der Parallaxe zwischen zwei Kameramodulen basiert, um den Hintergrund beim „Öffnen“ der Blende zu defokussieren. Schlau getrickst und in vielen Fällen gar nicht von einem optisch erzeugten Bokeh zu unterscheiden, aber es ist, wie so oft in der Smartphone-Fotografie, nur Software und Rechenleistung.

ISO und Pixelbinding

Selbst einem nicht technikaffinen Fotografen erscheinen ISO-Bereiche jenseits von 104000 bei solch kleinen Sensoren, wie sie im Smartphone verbaut werden, äusserst suspekt. Und das sind sie auch, wie man schnell feststellen kann, wenn man im Pro-Modus auf das RAW-Format schaltet. Dort sind dann plötzlich nur noch maximale Werte von 3200 bis 6400 möglich. Gleichzeitig reduziert sich die Auflösung des Hauptsensors (siehe Abschnitt Pixelbinding), weil das Rauschen so stark wäre, dass kein brauchbares Bild zu erwarten ist. Und trotzdem werden im Datenblatt z. B. 104000 als maximalen ISO-Wert angegeben. Alles Lüge? Nicht wirklich, denn wie man sich denken kann, produziert das Zusammenspiel von mehreren Sensoren, Aufnahmen und Software seinen „eigenen“ ISO-Wert.

Betrachtet man die unterschiedliche Auflösung der verbauten Sensoren, die von 2MP bis 48 MP reichen, spielt das Pixelbinding, welches 4 Pixel zu einem zusammenfügt, eine nicht unerhebliche Rolle. Kein Software-Ingenieur einer Smartphone-Schmiede wird die exakte Funktionsweise seines Programms veröffentlichen, aber aus zusammengesammelten Recherchen ergiebt sich folgende Erkenntnis: Bei z. B. vier Sensoren mit 4, 8,12, und 48 Megapixel wird das Pixelbinding für ein oder zwei Sensoren genutzt, um eine größere Fläche für einfallendes Licht zu erzeugen. Dadurch benötigt man eine geringere elektrische Verstärkung für eine höhere Rauschfreiheit. Die Folge ist, dass der nutzbare ISO-Wert größer wird. Zur gleichen Zeit werden mehrere Aufnahmen gemacht und durch zusammenrechnen der Bilder das Rauschen vermindert. Als Ergebnis erhält man selbst bei ISO-Werten im sechsstelligen Bereich (fast) rauschfreie Bilder. Erst das Betrachten an einem großen Bildschirm fördert zu Tage, was der Foto-Amateur bereits geahnt hat: So wirklich natürlich sieht es nicht mehr aus. Algorithmen können emulieren, aber nicht exakt erkennen und die Tatsache, dass bei steigendem ISO der Kontrast abnimmt, beim Smartphone aber Kontrast hinzugerechnet wird, der gar nicht vorhanden war, sorgt oftmals für ein „unwirkliches“ Foto.

Nochmal Cirque du Soleil und es war richtig dunkel. Im Vergleich zu den Vollformataufnahmen, die allesamt im Papierkorb landeten, rechnete sich die Smartphoneelektronik einen Wolf und konnte diese Szene auf ein Foto bannen. Man ahnt aber, mit welchen widrigen Umständen das Smartphone zu kämpfen hatte. Zwar bin ich Urheber dieser Aufnahmen, darf aber aus verständlichen Gründen nur in HD-Qualität veröffentlichen.

Nachtsicht

Nachts sind alle Katzen grau, so sagt der Volksmund. Nicht bei einer Smartphone-Kamera, denn der Nachtmodus bei hochwertigen Geräten hat es in sich. Hier muss man sich wieder vor Augen führen, dass die Kamera eine ganze Bildreihe aufnimmt und die einzelnen Bilder zusammenrechnet. Das macht sie sehr geschickt, denn es werden nicht nur unterschiedliche Belichtungsstufen von mehr als einem Sensor genutzt, sondern auch die Tatsache, dass sich elektrisches Rauschen „bewegt“, also nicht statisch immer im selben Pixel auftaucht. Die Software erkennt dabei die veränderten Pixel der einzelnen Fotos und vergleicht sie mit den anderen Aufnahmen. Ist ein Punkt in einem Bild verrauscht und in drei weiteren Bildern nicht, wird der „Rauschpunkt“ durch den Farbwert der drei anderen Bilder ersetzt. Klappt in 95 Prozent der Fälle bei statischen Motiven und ist hochwirksam. Zusätzlich wird auch in diesem Modus das Pixelbinding genutzt, um das Grundrauschen der Sensoren zu minimieren. Als Ergebnis erhält man Fotos, die selbst mit der hochwertigsten DSLM ohne Stativ gar nicht möglich gewesen wären.

Dieses Foto wurde mit dem Honor 20 Pro bei fast kompletter Dunkelheit aufgenommen, die lediglich durch den 3 Meter entfernten PC-Monitor erhellt wurde. Aufnahmezeit waren 7 Sekunden im Nacht-Modus, Automatik und aus der Hand. Beeindruckend, was das Smartphone da zusamengerechnet hat und als Bild generiert. Zwar erkennt man bei extremer Vergrösserung das Bildrauschen, aber ohne Stativ hätte auch die beste KB-Format-Kamera nicht dieses Ergebnis produziert.

Manuelle Belichtungszeit

Natürlich wird der aufmerksame Leser dieses Artikels nun anmerken, dass eine Langzeitbelichtung im Pro-Modus und mit Unterstützung eines Stativs ebenfalls möglich ist. Möglich ist es schon, aber hier schlägt die Physik erbarmungslos zu. Kleine Pixel, die in diesem Fall weniger als ein Zehntel des Lichts eines großformatigen Sensors einfangen können, benötigen weitaus mehr Verstärkung und Zeit, um den Sensor zu belichten. Bildrauschen und Artefakte nehmen rasch zu. Erkenntnis – für Nachtaufnahmen besser den Nachtmodus nutzen.
Ansonsten ist das Feature Belichtungszeit bei normalen bis schlechten Lichtverhältnissen eine Möglichkeit, seine eigene Bildkomposition zu gestalten. Hier gilt, wie grundsätzlich in der digitalen Fotografie, die Regel: niedrige ISO ist besser als kurze Verschlusszeit. Im Pro-Modus gibt es, gegensätzlich zur Automatik, keinen Verwacklungsschutz und deshalb sollte auch hier die ruhige oder unruhige Hand des Fotografen die längste Verschlußzeit begrenzen. Vorteil der manuellen Belichtungssteuerung ist, im Vergleich zum Automatikmodus, ein möglicher Dynamikgewinn, aber auch zu diesem Thema bieten die Hersteller mit sogenannten Intelligenten Lösungen wie AI oder HDR Hilfe an. Allerdings nur als JPG und damit nicht mehr änderbar.

RAW

Beliebt bei allen, die mal aus Dusseligkeit oder Stress knapp an der richtigen Einstellung für die Aufnahme vorbeigeschrammt sind, ist das RAW-Format, welches man in Lightroom oder RAW-Therapee so gut verarbeiten kann, dass noch ein nutzbares Foto entsteht. Jedenfalls meistens. Gute Smartphone-Kameras besitzen ebenfalls die Möglichkeit, im RAW-Format zu speichern und diese mit den entsprechenden Entwicklerprogrammen zu bearbeiten. Allerdings nicht in allen Modi, die das Smartphone anbietet.
Im Automatikmodus und mit Normalobjektiv steht das RAW-Format fast immer zur Verfügung. Auch im Pro-Modus kann das Format mit Einschränkungen ab- und zugeschaltet werden, allerdings nur im normalen Arbeitsbereich der Objektive, d. h. Im Weitwinkel , Normalbrennweite und bis zu dem je nach Smartphone zur Verfügung stehenden optischem Zoombereich.
Wegen der kleinen Sensorpixel gilt aber – die Möglichkeiten der Bildentwicklung sind stark begrenzt, d. h. Verbesserungen wie Weissabgleich, Belichtung und Farbtemperatur funktionieren wie gewohnt. Schärfen, höherer Kontrast, Klarheit, Weiß und Schwarzwerte sind nur minimal zu verbessern, da das Bildrauschen sofort zunimmt. Der Raum für Veränderungen an der Bildkomposition ist damit wesentlich eingeschränkter und schon kleine Eingriffe entscheiden darüber, ob das Foto ausbrennt oder im Dunkel absäuft. Grundsätzlich sind aber Bildverbesserungen durch die händische Entwicklung erfolgreich und können so manche Aufnahme retten.

Links das fertige JPG, rechts das vorsichtig bearbeitete RAW. Aufgenommen mit dem Honor Pro 20 im Duisburger Landschaftspark Nord. Die Schärfe ist fast identisch, lediglich das Farbrauschen, die Farbartefakte und die Farbtemperatur konnten hier verbessert werden.

Die Magie der Programmierer

Die Software-Trickkiste ist aber mit den bereits beschriebenen Techniken nicht ausgereizt und enthält noch so einige Überraschungen, bei denen der ambitionierte Foto-Amateur erst einmal mit Unglauben reagiert. Besitzt das Smartphone neben dem Normalobjektiv auch eine Weitwinkel-Kamera, sollte er sich nicht wundern, dass die als selbstverständlich angesehene WYSIWYG-Funktion des Smartphones plötzlich zu Kapriolen neigt. Gerade bei schlechten Lichtverhältnissen wird gerne vom Hochpixel-Normalobjektiv auf das wesentlich pixelärmere Weitwinkel geschaltet, das Foto im WW-Modus aufgenommen und intern auf Normalbrennweite umgerechnet. Selbst mit einer schlechteren Festblende (statt f1.4 im Normalobjektiv zu f2.2 bei Weitwinkel ) entstehen dadurch, der Software sei Dank, rauschfreiere und kontrastreichere Fotos. Bei der späteren Bearbeitung der Fotos wundert man sich zwar über die abweichenden Pixelmaße, aber die Aufnahme ist nutzbar. Verzeichnungen sind dabei oftmals zu erkennen, so dass eine Nachbearbeitung sinnvoll ist.

Fazit

Bezieht man sich auf die eingangs gestellte Frage, ob ein Smartphone mit aktueller Sensor- und Objektivtechnik ein brauchbarer Ersatz für die Systemkamera ist, so kann die Antwort nur lauten: Ja, aber situationsbedingt. Der ambitionierte Landschafts- und Archtekturfotograf wird IMMER mit passender Ausrüstung den Weg zum Motiv beschreiten und dabei ist es egal, wie schwer er zu tragen hat. Der Gelegenheitsfotograf wird die Vorteile einer Smartphone-Kamera zu schätzen wissen und mit den verschiedenen Foto-Programmen auch nutzbare Ergebnisse für die Ewigkeit kreieren. Der Foto-Freund, der zwar eine Systemkamera besitzt, aber aus Bequemlichkeit oder Vergesslichkeit nur das Smartphone zur Verfügung hat, wird die fotografischen Möglichkeiten, die ein aktuelles Smartphone ab der oberen Mittelklasse besitzt, ebenfalls nutzen, um ein möglichst eindrucksvolles Foto zu bekommen. Beser als die noch vor Jahren erhältlichen digitalen Kompaktknipsen, sind die softwaregesteuerten Alleskönner allemal und wenn man sorgfältig damit “arbeitet” und eine genaue Vorstellung davon hat, wie die Funktionen im Pro-Modus sinnvoll zu verwenden sind, werden sich selbst bei 60*40 Vergrösserungen kaum Unterschiede zur Aufnahme einer Systemkamera finden lassen.
Aus diesen Gründen jetzt seine vorhandene Fotoausrüstung als Gebrauchtware auf den Markt zu werfen, ist ein wenig zu kurz gedacht, denn das Fotografieren besteht bekannterweise nicht nur aus reiner Rechentechnik, sondern aus Komposition, Motiv, Auge und die Lust, eine Aufnahme eindrucksvoller zu gestalten, als die Wirklichkeit selbst hergibt. Und spätestens dann wird das “schleppen” der Ausrüstung zum Vergnügen – ein unabdingbarer Akt für die Verwirklichung eines kunstvollen Fotos.
Sollte der Leser dieses Artikels den letzten Gedanken nicht nachvollziehen können, dann ist eine aktuelle Smartphone-Kamera ab der oberen Mittelklasse eine gute Wahl und vollkommen ausreichend für gute Fotos. Allerdings sollte man sich, wie mit jedem neu angeschafften Fotogerät, auch mit den möglichen Funktionen vertraut machen, BEVOR das vielleicht einmalige Motiv schnelles Handeln erfordert.

Ein Artikel von Jürgen Olejok für photomatik.de / 2020